MICHAEL SCHADE
Ich möchte als Mozart-Tenor begraben werden

Wiener Staatsoper / Pöhn
Die „Königsklasse“ nennt Michael Schade die Rolle des Idomeneo, die er für die neue Inszenierung der Wiener Staatsoper mit Regisseur Kasper Holten neu erarbeitet hat. Dem Online Merker gab er nach der Generalprobe ein Gespräch, in dem es um Rollen, sein Engagement für die „Internationalen Barocktage Stift Melk“ sowie um die Situation an der Wiener Staatsoper geht, die ihm sehr am Herzen liegt
Herr Kammersänger, Sie haben die Rolle des „Idomeneo“ als die „Königsklasse“ bezeichnet. Nun haben Sie ihn in Wien ja schon vielfach 2007 in der alten Decker-Inszenierung gesungen. Jetzt bei Kasper Holten ist ja schon konzeptionell, was die Figur betrifft, alles anders?
Bei Decker – das war die Inszenierung mit der Treppe – ging es vor allem um das Vater-Sohn-Problem. Bei Kasper Holten ist für uns beide ein Stücke über die Macht daraus geworden, mehr, das Festkrallen an der Macht durch einen hochmütigen Monarchen, der sein eigenes Ende nicht denken kann und will…
… und dafür am Ende zu den Toten geschmissen wird. Kasper Holten hat sich in einem Interview hymnisch über die Zusammenarbeit mit Ihnen geäußert. Sind Ihre Eindrücke auch so positiv?
Ja wirklich, ich habe selten so fein gearbeitet. Ich liebe es mit kompetenten Menschen zu arbeiten, ob das Dirigenten sind wie Harnoncourt oder Muti oder Regisseure wie Kusej, Loy oder eben Kasper Holten. Ein wirklich großer Regisseur lässt Ideen zu, und das war hier der Fall. Abgesehen von seinen besonderen Qualitäten der Exaktheit, Pünktlichkeit (ich bin einmal vier Minuten zu spät gekommen, das kam nie wieder vor…), Genauigkeit, es ist unglaublich, wie organisiert er ist. Abgesehen davon, dass er jeden Choristen per Namen kennt und auch auf meine privaten Probleme während der Proben (ich musste mich um die Kinder kümmern, weil meine Frau nicht da war) Rücksicht genommen hat. Wir haben uns in kürzester Zeit darüber verständigt, dass wir diese verheerende Parabel der Macht ganz schonungslos erzählen wollten – man soll glauben, dass der Idomeneo, den ich hier spielte, seinen Sohn für den eigenen Machterhalt wirklich getötet hätte, wenn er nicht davon abgehalten worden wäre….
Holten lobt auch, Sie seien ein sehr „mutiger“ Sänger, womit er wohl auch uneitel meint. Wenn Sie in der großen Arie im 2. Akt die Koloraturen nicht als Virtuosenstück anlegen, sondern als…
… Ertrinken. Luft holen. Verzweiflung, weil man überleben will. Das ist ja kein Rossini, da haben die Koloraturen wirklich eine Funktion. Die sollen nicht in erster Linie schön klingen, sondern etwas über die seelische Situation aussagen.
Also, eine großartige Arbeit für Sie als Sänger an dieser Wiener „Idomeneo“-Produktion. Nun zeigt 3sat die Aufzeichnung ihrer letzten großen Arbeit, den „Fierrabras“ in Salzburg. Auch ein berühmter Regisseur, aber offenbar weniger Begeisterung für das Werk als bei Holten… wenn Peter Stein wissen ließ, man habe sich über die Dummheit der Geschichte totgelacht, dann ist das vielleicht nicht die Attitüde, mit der man eine Inszenierung angehen sollte?
Es war sicherlich sehr undiplomatisch von Peter Stein zu sagen, wir hätten die ganze Zeit über die Dummheit des Librettos gelacht – wie auch? Was sollte denn ein armer Textdichter in Zeiten der Zensur tun, wenn er faktisch nichts schreiben durfte? Aber die Medien haben sich auf die Bemerkung, die wahrscheinlich geblödelt war, geradezu gestürzt. Ich habe Stein geliebt, und warum sollte man nicht einmal versuchen, auf der Bühne zu rekonstruieren, „wie es damals war“.
Aber eine historisierende Inszenierung ist ja heutzutage verpönt, und die Kritik hat entsprechend reagiert.
Es gibt keine „richtige“ Inszenierung. Es gibt gut oder schlecht, und eine gute sollte in sich schlüssig und konzentriert sein und Sinn machen. Es gibt nie nur eine Antwort auf die Frage, wie man sich einem Werk nähert. Ich kann da zu allem Beispiele zu erzählen. Wien hatte den alten „Don Giovanni“ von Zeffirelli, der eigentlich hauptsächlich darin bestand, dass Jalousien aus einer Art Bambus verschiedenartig herunter gelassen wurde. Als die Dekoration schon so zerschlissen war, dass man sie kaum mehr brauchen konnte, hat man sie nach Tokio verkauft. Dort haben wir – Thomas Hampson, Edita Gruberova, ich und andere – Vorstellungen gesungen, die ein solcher Triumph waren, dass man in Wien die Dekoration wieder hergestellt hat, weil sie einen so idealen Rahmen bot. Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass auch „alte“ Inszenierungen stimmen können, von Schenk natürlich, von Zeffirelli, von Rennert: Wenn es gut gemacht ist, funktioniert es, egal, ob alt oder neu. Aber ich weiß auch, dass es große Aufregung um den Kusej-„Don Giovanni“ in Salzburg gab, mit den Palmers-Models, aber auch das hat vollkommen Sinn gemacht, um für unsere Zeit zu zeigen, wie dieser Giovanni einfach alle Tabus bricht.
Idomeneo – sind Sie mit dieser „Königsklasse“ jetzt mit „Ihrem“ Mozart durch?
Wenn Sie mich fragen, ob ich alle für mich möglichen Rollen gesungen habe, dann sage ich: Außer dem Mitridate, den ich nur irgendwann konzertant gemacht habe, ja. Wenn Sie mich fragen, ob ich mit Mozart fertig bin: Nie! Ich möchte als Mozart-Tenor begraben werden. So dramatisch kann der Idomeneo nicht sein, dass ich nicht noch den Ottavio mit seiner enormen Stimmbeherrschung singen möchte.
Sie haben zuletzt mit Peter Grimes und dem Aschenbach geradezu Triumphe in Hamburg gefeiert. Sprechen Sie über diese Rollen mit der Wiener Staatsoper?
Den Grimes würde ich leidenschaftlich gern hier singen, aber ich verstehe natürlich, dass die Staatsoper auch die nächste Serie mit Herbert Lippert besetzt, der sich hier im Haus mit dieser Rolle so bewährt hat. Aber eines Tages würde ich sie sehr gerne hier singen, ebenso wie den Aschenbach. Aber ich denke, man muss einem kontinentaleuropäischen Publikum so etwas wie die „Furcht vor Britten“ nehmen, er wird hier einfach noch nicht ausreichend angenommen. An der Staatsoper wird für mich demnächst wieder der Matteo in der „Arabella“ und dann einmal erstmals hier der Eisenstein kommen.
Wieso denn Matteo? Sind Sie darüber nicht längst hinaus?
Ich liebe ihn ganz einfach. Er gehört zu den Rollen, die ich behalte, obwohl es so viel Neues gibt, dass ich mein Repertoire richtig als „Baustelle“ bezeichnen würde – und das meine ich nicht negativ. Das ist die Neugierde auf immer etwas Neues – und das in alle Richtungen.
Das bedeutet?
Ich habe in Kanada einen Des Grieux gesungen und würde ganz gerne dies und jenes vom französischen Repertoire machen. Nach dem „Rusalka“-Prinzen warten noch viele Slawen, „Jenufa“ habe ich mir längst gewünscht. Wieder singen werde ich den Florestan, fest eingeplant ist als neue Rolle der Max im „Freischütz“. Und dann ist da auch noch Wagner…
Nach dem „David“, der ja noch ein „Spieltenor“ ist, wenn man diese alten Rollenklassifzierungen bemühen will, wollten Sie einst den Loge angehen…
Und man hat ihn mir auch angeboten und zwar in Bayreuth, wo ich aber aus Termingründen nicht kann, weil ich in diesem Sommer 2016 in Glyndebourne ein ganz neue Rolle singen werde, von der ich noch nicht spreche… Irgendwann wird es auch einen Erik geben und dann vermutlich doch die „großen“ Wagner-Rollen.
Sie sind als Sänger so gefragt, dass man sich wundert, wie Sie Termine und neue Rollen unter einen Hut bekommen. Dennoch betätigen Sie sich immer wieder gewissermaßen organisatorisch, als Intendant, was bekanntlich unendlich viel Zeit und Gehirnschmalz kostet. Sie haben in Salzburg das „Young Singers Project“ geleitet, engagieren sich bei der „Stella Maris Internation Vocal Competition“ und haben heuer ihren ersten Sommer als künstlerischer Leiter der „Internationalen Barocktage Stift Melk“ hinter sich. Warum tut man sich das an?
Weil ich in meinem Leben so viel an Unterstützung und Hilfe bekommen habe, angefangen mit meinen Eltern, die nun leider verstorben sind, dem Staat Kanada, weitere Stipendien von Institutionen, Hilfe von Künstlern, dass ich meine, dass man das auch zurückgeben und weitergeben soll. Wenn man es in diesem Beruf zu etwas gebracht hat, dann sollte man auch anderen jungen Künstlern helfen. Die sind ja oft wie junge Pferde – die einen muss man zügeln, weil sie sich vor gar nichts fürchten und einfach davon brausen, die anderen muss man antreiben und ihnen die Angst nehmen. Ich mache auch Meisterkurse, aber ich denke, Kulturveranstaltungen sind der beste Weg, sich selbst auch als „Kultur-Mitdenkender“ einzubringen.
Noch mehr Kultur in Zeiten wie diesen, wo jeder nur vom Geld spricht – vielmehr vom Geld, das man nicht hat?
In Melk ist es mir gelungen, den Anteil der Sponsoren um 65 Prozent zu erhöhen, und ich konnte auch beim Heinrich Schmelzer-Wettbewerb für Barockensembles & Solisten, den wir heuer durchgeführt haben, das Preisgeld von ursprünglich 1000 Euro verfünffachen. Es wäre schon Geld da und auch die Bereitwilligkeit der Wirtschaft, es an Kultur zu geben, nicht nur an Fußballclubs, wenn die Politik da nicht durch zusätzliche Steuerforderungen hier, Restriktionen wie lächerlichen Bestechungsklauseln dort gewaltig bremste. Wenn man als Firma seine Kunden dann nicht mehr zu Festivals einladen darf, die man subventioniert, obwohl dies ja auch ein „kultureller“ Nebeneffekt wäre, erzeugt das begreifliche Unlust, Geld zu geben. Ich wünsche mir wirklich, zu diesem Thema einen „Think-Tank“ zu veranstalten, Wirtschaftsleute, Politiker und Künstler um einen Tisch zu versammeln und zu diskutieren, wie man diese Frage zum Besten der Kultur lösen kann.
Wie sind die ersten von Ihnen verantworteten Barocktage in Melk heuer im Juni gelaufen?
Sehr gut, wir hatten mehr Interessenten als Karten. Ich finde es gerade bei Barockprogrammen sehr gut, sie unter ein Motto zu stellen, und die „Vier Elemente“ haben sich da sehr gut geeignet, wir haben tolle Dinge zu Händels Wasser- und Feuerwerks-Musik zustande gebracht. Eine große Freude für mich es auch, dass die meisten Künstler, die ich anrufe und einlade, begeistert zusagen. Und Harnoncourt gibt ja seinen Concentus Musicus gewissermaßen als Orchestra in Residence für diese Melker Tage – und nächstes Jahr wird kein Geringerer als Daniel Harding Händels „Israel in Egypt“ dirigieren, weil wir da die Barocktage unter das Motto „Reisen“ stellen.
Think-Tank, Konzepte für Festivals – das klingt nach enorm viel Arbeit.
Ich bin in erster Linie Sänger, aber eben nicht nur: Ich liebe es einfach, Projekte zu erfinden, derzeit konzipiere ich einen Liederabend zum Ersten Weltkrieg. Und im übrigen möchte ich noch ein Thema anschneiden, das mir sehr am Herzen liegt, und das ist die kulturelle Situation in Wien. Das ist an sich eine wunderbare Kulturstadt, wo das Publikum abends in Staatsoper, Volksoper, Theater an der Wien, Musikverein, Konzerthaus und die Theater strömt, und das ist in diesem Ausmaß nirgends sonst in der Welt der Fall. Aber man hat am Burgtheater gesehen, wie schnell ein Koloß ins Wanken geraten kann. Und man ist hier in einer gefährlichen Phase. Die Staatsoper hat die „Scheidung“ Meyer / Welser-Möst überstanden, man kann Welser-Möst nur das Allerbeste für seine Weltkarriere wünschen, aber man muss auch aufpassen, dass die Staatsoper keinen Schaden nimmt. Ich sehe, dass hier wirklich Außerordentliches geleistet wird, das vom Publikum als einigermaßen selbstverständlich genommen wird, und jeder Mitarbeiter ist hier mit vollstem Einsatz bei der Sache. Aber es gibt Attacken in der Presse, es gibt Intrigen, und ich möchte warnend den Finger heben, dass hier nicht mutwillig etwas kaputt gemacht wird. Man hat am Beispiel Burgtheater gesehen, wie schnell und scheinbar leicht das gehen kann. Ich bin in Sorge, dass – auch im Zusammenhang mit Geld, Subventionen, Kosten – hier ein Haus Schaden nehmen könnte, wo mit so viel Elan gearbeitet wird und ich wohl sagen kann, weil ich ja auch ein positiv Betroffener bin, wo der Direktor für jeden seiner Künstler „brennt“.
Wenn Sie das, lieber Herr Kammersänger, wie ich meine indirekt auch den Forums-Schreibern des Online Merkers gesagt haben wollten, sollte das vielleicht die „Positiven“, die eher stumm bleiben, auch einmal zu Kommentaren veranlassen. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Renate Wagner 12.11.14